Mutig sein. Mit etwas Hilfe eigentlich ganz leicht.

Sogar beim Mutig-sein bin ich feige - es ist der Wahnsinn.
Aber ich habe mich getraut. Ich habe ihn angerufen.

Etwas peinlich ist nur, dass ich dafür in meine gewohnte Umgebung, zu meinen Menschen fliehen musste, wissend, dass ich im Zweifelsfall jede Menge Rückendeckung habe.

Ich habe also direkt nach der Arbeit meine Sportsachen geholt und bin sofort ins Studio gefahren, habe dort alle begrüßt, mir einen Kaffee geschnappt und mit zitternden Händen und leicht erhöhtem Puls nach meinem Handy gegriffen. Ich bin in den Flur gegangen, um etwas ungestört zu sein, habe seine Nummer gewählt und für etwa zwei Sekunden stand die Welt einfach still.
Er ging ran und ich konnte hören, dass er am Autofahren war. Ein Ritterschlag! Er ist unglaublich penibel, was das Bedienen eines Handys beim Autofahren angeht, deshalb durfte ich mir neulich schon eine Standpauke abholen

Alle Anspannung fiel augenblicklich von mir ab, als ich seine Stimme hörte, denn er war deutlich hörbar froh, von mir zu hören.

Wir unterhielten uns kurz, dann schlug er mir vor, mich in ein paar Minuten von zu Hause aus anzurufen, damit wir in Ruhe telefonieren könnten. Ich sagte ihm, dass ich gleich Training hätte und schon im Studio sei, schlug aber auch vor, dass wir später oder ein anderes Mal telefonieren könnten und er fiel mir ins Wort und sagte "Nein, dann jetzt."

Es war ein nettes Gespräch, wenn auch irgendwie zwischen Tür und Angel, auf beiden Seiten. Ich stand im Flur, ständig liefen Menschen an mir vorbei, meist Leute aus meinem Team, die ich auch noch unauffällig begrüßen musste. Er saß am Steuer.
Es war ein gutes Gespräch, aber genauso nichts sagend. Es war schön mit ihm zu sprechen und er betonte, wie er sich über meinen Anruf freut und sagte, dass wir auf jeden Fall in den nächsten Tagen voneinander hören werden.

Aber einerseits glaube ich das nicht und andererseits wurde mir heute erst richtig klar, was ich kaputtgemacht habe. Bevor ich das Gespräch über die Entfernung zwischen uns erzwungen habe, war es einfach wundervoll. Wir hatten zwar kaum Zeit, um miteinander zu sprechen, haben aber immer mindestens Nachrichten geschickt - konsequent, jeden Tag, ohne Unterbrechungen.
Und jetzt sind wir zu zwei Menschen geworden, die hin und wieder mal zehn Minuten telefonieren, damit sie sich nicht ganz aus den Augen verlieren.

Es ist traurig, wirklich traurig, aber das scheiß Kind ist in den Brunnen gefallen (wenn wir ehrlich sind: ich habs geschmissen) und ist dabei zwar nicht draufgegangen, hat aber einen mächtigen Hirnschaden erlitten. Schade, wo es sich doch bis dahin so gut entwickelt hat.

18.1.16 23:01

Letzte Einträge: Welche Farbe bin ich?, Einfach springen. , Am falschen Ort. Immer. , Löschen nicht möglich: die Datei wird verwendet. , Das erste Wunder.

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL